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Zur Ausstellung Helga Traxler »I AM JUST THERE LETTING IT ALL HAPPEN«, Galerie Kunst Im Bad, Linz, Oktober 2011 

Der Titel der Ausstellung ist zugleich Titel einer Fotoserie, die gemeinsam mit einer anderen, FINDINGS IN THE SPUME OF FORMER DAYS, im Oktober 2011 in Linz gezeigt wurde. Das Wesensmerkmal von Serien ist, dass ihre Teile zumindest ein gemeinsames Merkmal haben. Der gleiche Ort des Entstehens mag biografisch bedeutsam sein, ästhetisch hingegen fällt folgende Gemeinsamkeit auf: Die Gesichter der Akteurinnen sind nicht oder fast nicht sichtbar. Das macht neugierig, das fängt unsere Blicke ein.

Das Gesicht des Menschen, sein Antlitz, ist Ausdruck von Individualität. Wer einem Anderen ins Gesicht schaut, sieht – mit Emmanuel Levinas gesprochen – zugleich einen Anspruch dieses Antlitzes, nämlich den Anspruch der Möglichkeit der Kontaktaufnahme, des Miteinander-Sprechens. Die Kunst macht genau genommen diesen Anspruch zunichte, weil sie vereinfacht gesagt einen Menschen bloß abzubilden vermag, ihn re-präsentiert. Die Kunst übt Gewalt aus und sie weiß das auch. Zugleich aber unterläuft sie diese Gewalt, indem sie sie auf besondere Weise sichtbar macht. Das ist das Raffinement der Kunst, dass sie etwas schafft und zugleich sein Gegenteil.

Die fotografischen Bilder Helga Traxlers zeigen also Menschen, Frauen, deren Gesichter verborgen sind. Während I AM JUST THERE LETTING IT ALL HAPPEN (Sommer 2010) diese Verbergung mit inszenatorischen Mitteln erreicht – Posen, Bildausschnitte –, zeigt die Serie FINDINGS IN THE SPUME OF FORMER DAYS (Jänner 2011) diese Verbergung mittels fotografischer Nachbearbeitung: Helga Traxler überlagert das eigentliche Porträt mit Bildern, die aus Modemagazinen stammen. Natürlich hat auch das einen inszenatorischen Touch, aber der Eingriff ins Bild ist hier doch deutlicher zu sehen als dort. Der Witz dieser künstlerischen Interventionen besteht nun darin, dass sie bei aller Verbergung doch auch entbergen, die Verhüllung gleichsam durchsichtig machen.

Entbergung ist eines von fünf Elementen menschlicher Erfahrung. »Nicht wir bestimmen den Inhalt der Erfahrung, sondern das Erfahrene bestimmt uns« (Günther Pöltner). Was wir erfahren – auch ästhetisch erfahren –, bestimmt uns, denn es zeigt sich je neu, anders, als wir es bisher gewohnt waren. Wenn wir mit etwas eine Erfahrung machen, dann werden wir von ihm in Frage gestellt, dann werden unsere bisherigen Erfahrungen in Frage gestellt. Helga Traxlers Bilder leisten genau dies: Indem sie verbergen, zeigen sie. Das scheint paradox, fordert uns aber ästhetisch heraus.

I AM JUST THERE LETTING IT ALL HAPPEN zeigt eine junge Frau in ungewöhnlichen Posen in ungewöhnlichem Ambiente. Die Serie zeigt NICHT das Gesicht dieser Frau. Wir können über ihre Individualität nur spekulieren. Dass es da etwas Individuelles geben muss, darauf verweisen die Farbflecken, die übrigens fotografiert und nicht aufgemalt sind. In Kombination mit den flächigen und räumlichen Strukturen des inszenierten Ambientes erzeugen die Bilder dieser Serie eine gewisse Neugier. Sie sind Hingucker, Blickfänger.

FINDINGS IN THE SPUME OF FORMER DAYS folgt derselben ästhetischen Idee. Hier allerdings sind es Fotos von Abbildungen von Fotos, die für ein Modemagazin angefertigt wurden. Der uralte Gedanke Platons der mehrfachen »Abständigkeit vom Sein«, der künstlerisches Tun auszeichnet, ist hier verwirklicht. Auch diese Bilder zeigen das Bild einer Frau, aber nicht ihr Gesicht. Wir ahnen bloß: Sie muss eine schöne Frau sein – was immer »schön« besagen mag. Aber dieses Schönsein scheint die Besonderheit der Frau auszumachen, und so fängt sich der Blick in den Überlagerungen des Bildes und versucht, das ganze Gesicht zu rekonstruieren, zu erkennen.

Was nun zeigen die Bilder? Sie zeigen nicht die Individualität der abgebildeten Person, auch wenn die Serialität der Bilder eine Geschichte erzählt. Sie führen vielmehr dem Betrachter vor, was es heißt, zu schauen. Indem sie unsere Blicke einfangen, erfahren wir, was es heißt, zu schauen.

Ein anderes Element menschlicher Erfahrung ist, dass wir stets die Notwendigkeit verspüren, etwas, das uns begegnet, zu deuten. Wir wollen verstehen. Genau das trifft auf die Bilder Helga Traxlers zu. Gerade die Tatsache, dass sie Hingucker sind, dass unser Blick von diesen Bildern eingefangen wird, spricht davon, dass wir sie verstehen wollen. Es ist dabei nicht von Belang, ob das Verstehen gelingt, ist doch jede Erfahrung – und insbesondere die ästhetische – je meine Erfahrung. Über das, was die Bilder zeigen und sagen, mögen abwägende Gespräche entstehen. Eines aber steht fest: Sie sind Blickfänge. Und Helga Traxler, ihre Schöpferin, ist die Blickfängerin.


**DIE BILDER ZUM TEXT SIND NOCH BIS ZUM 11.11.2011 IN LINZ ZU SEHEN!**